Inspirationen aus Fernost - Westliches vs Japanisches Webdesign

04.12.2013 von

Inspirationen aus Fernost - Westliches vs Japanisches Webdesign

Der Artikel stammt dieses Mal von Madeleine, die dieses Jahr als Marketing Trainee bei smooster angefangen hat. Madeleine spricht fließend Japanisch und hat selbst zwei Jahre in Tokio und Osaka gelebt.

Als ich vor einigen Tagen in meinem Twitterfeed auf den Artikel Why Japanese Web Design Is So … Different gestoßen bin, habe ich ihn mit Interesse gelesen, bei manchen Punkten zustimmend genickt, bei anderen etwas gegrübelt.

David von Randomwire bringt in seinem Blog Beispiele für das Design der meist besuchten japanischen Websites und führt sprachliche, kulturelle und technische Gründe an, weshalb das Design dieser Seiten so anders ist und ein bisschen wie eine Zeitreise zurück in die 90er erscheint. Eine deutsche Übersetzung und eine Zusammenfassung findest du auf dem Webtalk Blog.

Der Artikel spricht viele gute Gründe an, weshalb japanisches Webdesign teilweise anders aufgebaut ist und auf den westlichen Betrachter altbacken wirken kann. Aber ich denke, dass diese Beobachtung besonders für die großen, beliebten Seiten zutrifft, die David betrachtet hat.

Diese Websites machen, meinem Eindruck nach, nur einen Teil des Designs im japanischsprachigen Web aus. Darauf weißt auch einer der Kommentare hin, in dem der Leser die festgefahrenen Strukturen in einem großen Unternehmen wie Rakuten beschreibt, die z.B. Entscheidungen für ein Redesign behindern können.


Nachdem ich den Artikel und einige Kommentare gelesen hatte, ließen mich einige Fragen nicht mehr los, denen ich anhand von Beispielseiten nachgehen möchte.


  • Sind japanische Websites wirklich so altbacken?

  • Wie sieht modernes, japanisches Webdesign aus?

  • Welche Ideen oder Inspirationen können wir in Deutschland davon erhalten?


Sind japanische Websites wirklich so altbacken?

Viele Antworten ergeben sich erst aus einem Vergleich. Deshalb habe ich mir nicht nur japanische, sondern auch deutsche und amerikanische Websites angesehen und sie einander gegenüber gestellt.

Ihr könnt auf die Bilder klicken um sie zu vergrößern.


Mobilfunkanbieter

Die Website des deutschen Mobilfunkanbieters ist eher schlicht

Deutschland


genau wie die Website des amerikanischen Mobilfunkanbieters

USA


Die Website des japanischen Mobilfunkanbieters ist im Vergleich popiger gestaltet

Japan

Bei allen drei Seiten handelt es sich um die Websites großer Mobilfunkanbieter aus Deutschland, den USA und Japan. Obwohl sowohl T-Mobile als auch docomo ein pinkes Logo haben, fällt die deutsche Website schlichter aus, während die japanische Seite im Vergleich eher poppig wirkt. Abgesehen davon unterscheiden sich die Websites jedoch weniger stark, als man dem Randomwire-Artikel nach erwarten könnte. Alle drei Seiten präsentieren sehr viel Inhalt bereits auf der Startseite und haben daher mehrere Navigationen und viele kleine Bilder.


Nationale Fernsehsender

Die Website des ARD verwendet im Vergleich zu NHK große Schrift und ein klar strukturiertes Raster

Deutschland


auch die amerikanische Website hat einen klaren Aufbau

USA


Die Website von NHK wirkt für das westliche Auge unaufgeräumt.

Japan

Wenn man die Websites der drei staatlichen Fernsehsender einander gegenüber stellt, fällt jedoch direkt auf, was der Randomwire-Artikel mit der Aussage “könnte direkt aus den 1990ern stammen” meint. Die NHK-Website wirkt für westliche Augen überladen. David führt die städtischen Landschaften Japans an, die mit blinkenden Werbungen in allen Größen und Farben übersät sind. Ich denke aber, dass die Menschen an eng gedrängte Information auf kleinstem Raum auch im ländlichen Bereichen bereits früh gewöhnt werden. Dazu muss man nur einmal den Blick in ein Supermarkt-Werbeblättchen oder eine japanische Zeitung werfen.

eine japanische Tageszeitung rhosoi/flickr

So wird ein japanischer Leser von klein auf daran gewöhnt, in einem scheinbaren Durcheinander von Informationen das zu finden, was er sucht, ohne dabei wie unsereins visuell abgelenkt zu werden.


Immobilienwebsites

die deutsche Website hat einen klaren, schlichten Aufbau

Deutschland


auch die amerikanische Seite hat keine verspielten Elemente

USA


auf japanischen Websites wird oft Text in Bilder eingebunden

oder auch niedliche Maskottchen verwendet

Japan

Zwei der Unterschiede zwischen japanischem und westlichem Design, der mir bei vielen Seiten aufgefallen ist, lässt sich an den Immobilienseiten gut erkennen.

Während Bilder in Deutschland und den USA entweder alleine stehen oder mit kurzen Texten darunter ergänzt werden, wird in Japan das Bild nicht “ungenützt” gelassen. Texte in Bildern können von Suchmaschinen nicht gelesen werden. Daher ist aus SEO-Sicht verständlich, dass wir in Deutschland den relevanten Text für die Suchmaschinen lesbar in HTML schreiben. Die japanischen Websites fügen den meisten ihrer Textbilder jedoch alt-Beschreibungen hinzu, sodass der entstandene SEO-Nachteil etwas ausgeglichen wird.

Außerdem fällt auf, dass selbst ein recht nüchternes Thema wie Wohnungssuche in Japan mit einer niedlichen Illustration präsentiert wird.


Wie sieht modernes, japanisches Webdesign aus?

Alle Seiten, die wir bisher betrachtet haben, gehören zu sehr großen oder größeren Unternehmen. Auch in Japan gibt es aber eine wachsende Startup Szene und somit Firmen, die weniger unter einem System von feststehenden Abläufen und einem althergebrachten Senioritätsprinzip leiden.

Ich möchte hier die Websites einiger japanischer Startups zeigen. Abgesehen von den Schriftzeichen, könnte man viele dieser Websites so ähnlich auch im deutschen Web finden.

Wenn ihr auf die Bilder klickt gelangt ihr zur jeweiligen Website.


Japanische Startups

e-shop startup stores

STORES


Geschenkservice giftee

giftee


Flohmarktapp Coconala

coconala


Flohmarktapp für Mädchen fril

Fril


Webdesign Trends auf japanischen Websites

Auf diesen Seiten sieht man Webdesign Trends, die auch hierzulande momentan sehr populär sind. Ob Flat Design, Parallax Scrolling, Responsive Design oder große Headerbilder, diese Trends werden auch auf japanischen Webdesignblogs ausgiebig diskutiert und von Agenturen umgesetzt.


Parallax Scrolling

Tokioter Sehenswürdigkeit Tokyo Skytree mit Parallax Scrolling

Tokyo Skytree


Hochzeitsfotografin Hiromi Sekiguchi mit Parallax Scrolling

Hochzeitsfotografin Hiromi Sekiguchi


Responsive Design

Friseursalon Vagu Hair mit Responsive Design

Friseursalon Vagu Hair


Schreibwaren Kamiya mit Responsive Design

Schreibwarenshop Kamiya


Große Headerbilder

Tourismuswebsite von Kirishima mit großem Headerbild

Tourismuswebsite von Kirishima


Design Agentur Gear8 Design

Design Agentur Gear8 Design


Flat Design

Punktesammelkarte T-Point im Flat Design

Punktesammelkarte T-Point


Towada Oirase Kunst Festival im Flat Design

Towada Oirase Kunst Festival


Welche Ideen oder Inspiration können wir in Deutschland davon erhalten?

Wenn man jenseits der großen Webportale und Firmenseiten schaut, findet man auch im japanischen Internet Websites, die auf die gleichen Webtrends zurück greifen, die auch auf deutschen oder amerikanischen Websites populär sind.

Zusätzlich zu der Sprache und den fremden Schriftzeichen gibt es aber ein paar Elemente, die sich auf japanischen Websites häufiger finden lassen als auf westlichen.


Kawaii

Das Wort kawaii (=süß, niedlich) findet sich, spätestens seit das japanische Außenministerium 2009 eine Gruppe von niedlichen Fashionistas zu kawaii-Botschaftern ernannt hat, auch im englischsprachigen Web auf vielen Seiten. Niedlichkeitsbotschafter sind kaum verwunderlich in einem Land, in dem selbst jede Präfektur ein eigenes niedliches Tourismusmaskottchen vorweisen kann. Ob als Icons oder Illustrationen, kawaii findet sich auch auf vielen japanischen Websites wieder. Im Vergleich dazu wirken viele westliche Websites geradezu nüchtern.


Die Jobseite eines Kindergartens

Die Jobseite eines Kindergartens


Website einer japanischen Metzgerei

Die Website einer Metzgerei nach deutschem Vorbild


Handschrift

Typografie im Webdesign ist sicher weltweit in Webdesignblogs ein Thema. Auf japanischen Websites fällt aber vor allem eines oft auf: handschriftliche Typografie. Hier einen direkten Bezug zu japanischer Kalligrafie herzustellen, wäre zu weit gegriffen, denke ich. Aber man kann durchaus sagen, dass die Beliebtheit von handschriftlichen Elementen mit der Eigenheit des Schriftsystems zusammenhängt. In einer Sprache, mit über 2000 Schriftzeichen und durchschnittlich 35 einzelnen Strichen innerhalb eines einzelnen Zeichens, entfaltet eine schöne Handschrift noch mehr Wirkung.


Eine Website über Eventreisen für junge Frauen

Eine Website über Eventreisen für junge Frauen


Die Website eines traditionellen Restaurants

Die Website eines traditionellen Restaurants


Hierbei handelt es sich natürlich nur um eine Auswahl von japanischem Webdesign. Weitere Beispiele findet ihr unter anderem auf den Seiten, die ich für diesen Artikel als Quellen genutzt habe: The Bridge (engl.), ein Blog inkl. Datenbank über japanische Startups sowie RWD JP (jpn.) und Muuuuu_Chang (jpn.), zwei Portale für japanisches Webdesign.


Was ist euer Eindruck von japanischem Webdesign?

Erzählt mir, welche Elemente euch besonders aufgefallen sind.


Newspaper by Ryosuke Hosoi on flickr

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